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TSCHERNOBYL 40 - TEIL 1: DER HEILIGE ORT

Seit Jahren begegne ich immer häufiger der Frage, wohin ich reisen würde, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Dabei habe ich oft das Gefühl, dass mein Gegenüber die klassische Antwort erwartet: Bali, Amerika, Australien oder vielleicht Thailand.

Natürlich sind all diese Orte beeindruckend. Und ich will nicht behaupten, dass die Reaktionen nicht berechtigt sind, wenn ich mit voller Ernsthaftigkeit antworte: Ich würde nach Tschernobyl reisen. In die ukrainische Geisterstadt.

In solchen Momenten sehe ich meist das kurze Innehalten im Gesicht meines Gegenübers. Fast so, als würde er darauf warten, dass ich nach einer kleinen Pause lache und sage: „War nur ein Scherz.“ Aber diese Wendung kommt nicht — und wird auch diesmal nicht kommen. Stattdessen folgt die vollkommen berechtigte Frage: „Aber warum?“

Die Antwort ist einfach: Ich möchte durch die Zeit reisen. Und in Tschernobyl — sofern sich die Natur noch nicht alles vollständig zurückgeholt hat — steht an vielen Orten noch immer das Jahr 1986 auf den Wandkalendern.

Bevor ich euch jedoch auf diese Reise mitnehme, möchte ich mich kurz vorstellen. Vielleicht wird so verständlicher, warum mich die Welt des Ostblocks so fasziniert.

Ich wurde 1995 in Wien geboren, drei Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion. Meine Eltern sind noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in den Westen geflüchtet. Meine Mutter verließ 1987 gemeinsam mit ihrer Familie Ungarn, mein Vater kam 1989 aus dem damaligen Jugoslawien, wo die Spannungen des bevorstehenden Krieges bereits spürbar waren. (Zur Genauigkeit: Obwohl Jugoslawien ein sozialistischer Staat war, stand es nicht unter direktem sowjetischem Einfluss.)

In meiner Kindheit habe ich unzählige Geschichten von meinen Eltern und Großeltern gehört. Ehrlich gesagt habe ich mich im Geschichtsunterricht oft zurückgelehnt, weil ich das Gefühl hatte, vieles aus erster Hand zu kennen — nur viel lebendiger. Auch die Großeltern meines besten Freundes erzählten regelmäßig von früher, und ich begann mich immer mehr dafür zu interessieren, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Zeit erlebt haben. Manche verfluchten sie, andere sehnten sich nach ihr zurück.

Die Geschichten aus den 80er-Jahren wirkten auf mich oft kaum vorstellbar. Manchmal hatte ich das Gefühl, als wäre meine Mutter auf einem völlig anderen Planeten aufgewachsen.

Telefone gab es zwar, aber nicht für jeden. Und selbst wer eines hatte, besaß meist nur ein Festnetzgerät mit schlechter Verbindung — und hohen Kosten. Ich erinnere mich, wie ich meine Mutter als Kind oft mit einer Handvoll Münzen zur nächsten Telefonzelle begleitet habe, wenn sie meine Großmutter anrufen wollte.

Im Fernsehen gab es höchstens zwei bis drei Programme, und spät am Abend folgte Sendeschluss bis zum nächsten Morgen. Vielleicht waren die Menschen dafür ausgeruhter. Die Autos aus dem Osten waren schwach und verbrauchten viel. Reisen ins Ausland waren nicht nur kompliziert, sondern oft auch genehmigungspflichtig. Und selbst wenn man eine Erlaubnis bekam, war eine Reise mit erheblichem organisatorischem Aufwand verbunden.

Wer westliche Musik hören wollte — zum Beispiel Depeche Mode — musste tief in die Tasche greifen, um an eine kopierte Kassette zu kommen, die oft schon die dritte oder vierte Kopie war. Die Klangqualität war entsprechend schlecht — wie bei Arbeitsblättern, die immer wieder kopiert wurden: zunehmend blasser und schwerer lesbar.

Trotzdem besteht kein Grund zur Sorge: Ich werde versuchen, euch mit qualitativ hochwertigen „Inhalten“ zu versorgen. Auch wenn das beim ersten Thema nicht immer ganz einfach sein wird, denn ich schreibe über eine Stadt, die ich selbst noch nie besucht habe — obwohl sie seit 2011 für Touristen zugänglich ist.

Jede Stadt hat ihre eigenen Legenden und Geschichten. Es gibt Aufstiege und Niedergänge über Jahrhunderte hinweg, die auf die eine oder andere Weise jeder kennt. Man denke nur an Romulus und Remus oder die Legende des Prager Golems.

Doch es gibt eine kleine ukrainische Stadt nahe Belarus, deren Geschichte in vielerlei Hinsicht über jede Legende hinausgeht. Nicht nur, weil sie seit vierzig Jahren verlassen ist, sondern auch, weil ihr Schicksal schon lange vor der Katastrophe von Tragödien geprägt war.

Zu ihrer Blütezeit hatte sie etwa 50.000 Einwohner — vergleichbar mit Städten wie Dunaújváros, Dornbirn oder Frankfurt (Oder). Zwischen ihrer Gründung und ihrer Aufgabe lagen gerade einmal 16 Jahre, und das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag bei nur etwa 26 Jahren.

Der eigentliche Name der Geisterstadt lautet Prypjat. Sie wird häufig mit Tschernobyl verwechselt, was nicht überrascht, da nur etwa drei Kilometer zwischen den beiden Orten liegen. Das Kraftwerk trug ursprünglich den Namen „Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerk Tschernobyl“, doch nach der Katastrophe wurde Lenins Name schrittweise weggelassen. Wichtig ist jedoch: Die Geschichte Tschernobyls begann lange davor.

Die Stadt existiert seit dem Mittelalter und war über Jahrhunderte hinweg ein Ort vielfältiger Gemeinschaften. Ab dem 17. Jahrhundert siedelten sich zunehmend jüdische Familien an, vor allem aus Westeuropa, auf der Flucht vor Verfolgung. Damals gehörte das Gebiet zur Polnisch-Litauischen Union, die gezielt jüdische Siedler anwarb, um die Wirtschaft zu stärken.

Synagoge „Idl’s Beis Midrasch“
Tschernobyl, 1928
Quelle: jewua.org

Synagoge „Idl’s Beis Midrasch“
Tschernobyl, 1928
Quelle: jewua.org

Mitte des Jahrhunderts verwüstete der Chmelnyzkyj-Aufstand große Teile der jüdischen Gemeinden, doch später gelang ein Wiederaufbau.
Gräber der Pogrom-Opfer
Tschernobyl, 1919
Foto: YIVO Institute for Jewish Research (via jewua.org)

Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Tschernobyl zu einem bedeutenden religiösen Zentrum, insbesondere durch die Ausbreitung des Chassidismus. Mit der Ansiedlung von Rabbi Menachem Nachum Twersky entstand eine religiöse Tradition, deren Einfluss weit über die Region hinausging. Märkte, Feste und religiöse Zusammenkünfte prägten das Leben in der Stadt.

Ende des 19. Jahrhunderts stellten Juden die Mehrheit der Bevölkerung. Viele Menschen pilgerten nach Tschernobyl, um Rat oder spirituelle Führung zu suchen.

Das 20. Jahrhundert brachte jedoch einen Bruch. Nach der Russischen Revolution wurden religiöse Institutionen schrittweise aufgelöst. Synagogen wurden geschlossen oder zweckentfremdet. Den schwersten Schlag erlitt die Stadt während des Holocaust: 1941 wurde ein Großteil der jüdischen Bevölkerung innerhalb eines einzigen Tages ermordet. Eine jahrhundertealte Gemeinschaft verschwand nahezu vollständig.

Großmutter Mira mit Blick auf den Fluss Prypjat
Region Tschernobyl, frühes 20. Jahrhundert
Familienarchivfoto: jewua.org

Nach dem Krieg kehrten einige Überlebende zurück, doch das frühere Leben entstand nie wieder.

Was sich hingegen erstaunlich schnell entwickelte, war die Industrie der Sowjetunion. Bis Ende der 1940er-Jahre hatte die Schwerindustrie vielerorts das Vorkriegsniveau erreicht oder sogar übertroffen. In den 1970er-Jahren stieg der Energiebedarf jedoch weiter an, sodass eine langfristige Lösung notwendig wurde.Die Antwort lautete: Atomenergie — die Technologie der Zukunft.

Die sowjetischen Ingenieure entwickelten die Technik kontinuierlich weiter, und 1968 wurde der Reaktortyp RBMK–1000 fertiggestellt — einer der größten und leistungsstärksten seiner Zeit. Trotz bekannter Probleme begann der Bau weiterer Anlagen. Der erste Block ging Anfang der 1970er-Jahre in Leningrad ans Netz. Doch schon früh zeigte sich, dass das System nicht frei von Risiken war. Trotzdem wurde das Programm nicht gestoppt. Politischer und wirtschaftlicher Druck wogen schwerer als technische Bedenken.

Ein Projekt dieser Größenordnung erforderte nicht nur ein Kraftwerk, sondern auch eine ganze Stadt — modern, gut ausgestattet und bereit für die Familien der Arbeiter.

So entstand Prypjat.

Die Stadt wurde am Fluss Prypjat errichtet und nach ihm benannt, da die RBMK-Reaktoren große Mengen Wasser zur Kühlung benötigten.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Geschichte dieser Region war schon lange vor der Katastrophe von Ereignissen geprägt. Kriege, Machtwechsel, Aufstieg und Zerstörung formten sie — bis schließlich die „Stadt der Zukunft“ entstand, die wir heute nur noch als Geisterstadt kennen.

Im nächsten Teil schauen wir uns an, wie genau diese Stadt zur „Stadt der Zukunft“ wurde — und welches Leben die Menschen dort erwartete.

Sowjetische Vision einer „schwebenden Stadt“ für das Jahr 2000 (auf Basis einer Idee von 1974)
Digitale Illustration: themightyglowcloud
Quelle: Reddit – r/RetroFuturism

Wenn dich ein Thema rund um den Osten interessiert, schreib mir gerne an: vostblog@proton.me
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Die Vergangenheit ist nicht verschwunden – sie wartet nur auf uns. Fortsetzung folgt.

Valentin Vigi

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